400 Jahre Neustadt Hanau und Wallonisch-Niederländische Gemeinde
Am 1. Juni 1597 wurde die sog. "Capitulation", ein Gründungsvertrag, von Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg unterzeichnet: Ein Ereignis von europäischem Rang. In der Neustadt siedelten sich calvinistisch reformierte Flüchtlinge aus den spanisch besetzten Niederlanden und Nord-Frankreich an. Sie erhielten eine neue weltliche und geistliche Heimat und begründeten Hanaus Aufschwung.
Den Gründern der Neustadt wurde genehmigt, sich vor den Toren der Altstadt Hanau anzusiedeln. Beide Städte, Alt- und Neustadt, bestanden von da an selbstverwaltet nebeneinander. Die Befestigungsanlagen zwischen den Städten wurden erst im Jahre 1767 geschleift, der heutige Freiheitsplatz entstand. Die Verwaltungen wurden erst um 1835 zusammengelegt.
Ein städtebauliches Novum stellt die 1597 auf dem Reißbrett entworfene Planstadt der Renaissance dar, die Vorbild auch für andere Stadtgründungen wurde. Es folgten Mannheim 1606, Erlangen-Neustadt 1686 oder Neu-Isenburg 1699. Grundschema für die Neustadt Hanau war ein rationales Rechteckraster von Straßen und Baublöcken, umgeben von einem Bastionsstern. Zwei der mittleren Plankarrees blieben von Bebauung frei und bilden noch heute den Neustädter Markplatz und den Kirchplatz an der Französischen Allee, auf dem die Wallonisch-Niederländische Kirche steht.
Die Zweisprachigkeit der neuen Gemeinde erforderte außergewöhnliche Lösungen, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Eine zwischen 1600 und 1608 erbaute Doppelkirche, steht durch ihre bauliche Verbindung für alle sichtbar als Symbol der religiösen Gemeinsamkeit der Neubürger.
Die den Neubürgern gewährten Freiheiten waren wegweisend; die Wahlbestimmungen von Stadt und Kirche in ihrer demokratischen Ordnung der Zeit weit voraus.
Kunst, Kultur und Wirtschaft entwickelten sich zu europaweit hoch angesehenen Sparten. Beispielhaft sei die Gründung der ersten deutschen Fayencemanufaktur 1661 (Hanauer Fayencen), die prägende frühe Stilllebenmalerei sowie die Silber- bzw. Goldschmiedekunst genannt. Meisterhafte Exponate sind im Historischen Museum Hanau Schloß Philippsruhe zu sehen.
Rasch entstanden in der Hanauer Neustadt zahlreiche Manufakturen, die auch Luxusgüter an die europäischen Adelshöfe lieferten: Posamentierer, Strumpfwirker, Handschuhmacher, Tuchweber, Hutmacher, Teppichwirker, Gold- und Silberschmiede.
Die verkehrsgünstige Lage der Stadt an internationalen Handelswegen, dem Main und in der Nähe der Frankfurter Messe machten ein wirtschaftliches Engagement für die Neusiedler äußerst attraktiv. Auch das Privileg der Gewerbefreiheit (in Frankfurt/Main erst 250 Jahre später erteilt), welches zusammen mit steuerlichen Erleichterungen und der Befreiung von Bürgerpflichten den Neustadtbürgern gewährt wurde, beförderte den Handel.
So können wir heute feststellen, dass bereits im 16. Jahrhundert ein weitblickender Hanauer Graf gezeigt hat, was Wirtschaftsförderung zur rechten Zeit und mit rechten Mitteln bewirken kann. 1597 wurden die Grundlagen für Hanaus Entwicklung zum Industriestandort geschaffen – mit Auswirkungen auf die wirtschaftliche Prosperität bis zum heutigen Tage.
Die Tradition, innovative Ideen und Know-how in die Stadt zu führen und hier zu ihrem Wohl zu verwurzeln, wird mit gemeinsamen Anstrengungen von Stadt, ihren Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen bis in die heutigen Tage fortgeführt.
Detaillierte Informationen können Sie nachlesen in:
- Stadtzeit – Reise durch Hanaus Geschichte. 228 Seite, Hanau 1997.
- Auswirkungen einer Stadtgründung. 400 Seiten, Hanau 1997, CoCon-Verlag. ISBN: 3-928100-51-3
