Hanauer Stadtgoldschmied/in

Das Goldschmiedehandwerk hat in Hanau eine lange Tradition – bereits 1610 gab es eine Zunft der Gold- und Silberschmiede. Neben der Staatlichen Zeichenakademie, dem Deutschen Goldschmiedehaus und der Gesellschaft für Goldschmiedekunst sowie den in der Stadt tätigen Gold- und Silberschmieden profiliert seit 2004 die Auszeichnung "Hanauer Stadtgoldschmied/in", die auf Anregung der Gesellschaft für Goldschmiedekunst ins Leben gerufen wurde, Hanau weiter als "Stadt des edlen Schmuckes".

Die Gesellschaft für Goldschmiedekunst organisiert und betreut den/die Ausgezeichnete/n, die Staatliche Zeichenakademie stellt den Arbeitsplatz zur Verfügung, dort werden auch Workshops abgehalten, das Deutsche Goldschmiedehaus ermöglicht die Präsentation der Arbeiten und die Stadt Hanau stellt den finanziellen Rahmen.
Mit dem Silberschmiedemeister Rudolf Bott aus Neuburg a. d. Donau wurde der erste Stadtgoldschmied ernannt, 2006 kam dem jungen japanischen Schmuckkünstler Jiro Kamata aus München diese Ehrung zu. Zwei Jahre später gab es mit Hilde de Decker aus Belgien die erste Künstlerin, die auserwählt wurde. 2010 hieß der Stadtgoldschmied Karl Fritsch aus Neuseeland, 2012 Vera Siemund aus Hamburg, 2014 Sam Tho Duong aus Pforzheim. Zur siebten Stadtgoldschmiedin wurde 2016 die Nachwuchskünstlerin Tabea Reulecke ernannt, deren Arbeiten 2018 im Deutschen Goldschmiedehaus vorgestellt werden.
Im Sommer 2015 arbeitete der Pforzheimer Künstler als 6. Hanauer Stadtgoldschmied sechs
Sam Tho Duong: Schneewittchen und die 7 Zwerge
Sam Tho Duong: Schneewittchen und die 7 Zwerge
Wochen an der Staatlichen Zeichenakademie. Während seines Aufenthaltes in Hanau beschäftigte er sich mit den Brüdern Grimm und widmete ihnen eine eigene, sehr originelle Arbeit: Sam Tho Duong arrangierte auf einem aufgeschlagenen Märchenbuch mit einer Abbildung zu „Scheewittchen und die sieben Zwerge“ zwei silberne Zipfelmützen. Sam Tho Duong hat zu dieser Arbeit eine humorvolle Geschichte erfunden: Er berichtet, dass er diese Mützen in einem „Verlies“ des Goldschmiedehauses gefunden hat. Zwei Zwerge, die nach Hanau gereist waren, um die Brüder Grimm kennenzulernen, hätten sie dort laut wissenschaftlichen Recherchen bei ihrer überstürzten Abreise vergessen...

Humor kennzeichnet Sam Tho Duongs Arbeiten auch sonst oft, zum Beispiel, wenn er seinen aus Actimel-Flaschen hergestellten Schmuckobjekten den Titel „lemitcA“-Serie gibt. Neben Silber und Plastik gestaltet Sam Tho Duong seinen Schmuck mit Kirschkernen, Süßwasserreiskornperlen, Bernstein, Ingwer oder auch Schuhbändern und Toilettenpapier.

Der in Vietnam geborene Künstler absolvierte in Pforzheim an der Berufsfachschule, am Berufskolleg und bei der weltbekannten Firma Wellendorff eine umfassende Ausbildung zum Goldschmied. Sein anschließendes Studium an der Hochschule für Gestaltung schloss er 2002 mit dem Diplom ab, seit 13 Jahren arbeitet Sam Tho Duong als freischaffender Designer.
http://www.gogotho.de
Im vergangenen Jahr wählte die Jury Vera Siemund aus Hamburg zur fünften Hanauer
Vera Siemund: Halsschmuck Emaillierter Stahl
Vera Siemund: Halsschmuck Emaillierter Stahl
Stadtgoldschmiedin.
Die Künstlerin absolvierte ihre Ausbildung zur Goldschmiedin von 1991 bis 1995 an der Staatlichen Zeichenakademie Hanau, anschließend folgte ein Studium an der renommierten Hochschule für Kunst und Design in Halle bei Frau Professor Dorothea Prühl. In den letzten zwölf Jahren beteiligte sich die Künstlerin mit ihren Arbeiten an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, bedeutende Schmuckgalerien in Europa und den USA widmeten ihr Einzelausstellungen. 2002 wurde Vera Siemund in dem von der Stadt Hanau ausgeschriebenen Wettbewerb „Natur und Zeit“ mit dem Ersten Preis ausgezeichnet. Im gleichen Jahr wurde ihr der zweite Preis im Nachwuchsförderwettbewerb für Schmuck und Gerät zuerkannt, den die Gesellschaft für Goldschmiedekunst mit der Bertha Heraeus und Kathinka Platzhoff Stiftung veranstaltete.
Die Faszination für das Romantische, die nostalgische Anmutung des Historismus dominiert in den Schmuckstücken Vera Siemunds, tradierte Vorbilder erhalten eine neue Dimension. Geschickt bedient sie sich einzelner Elemente, die sie verfremdet und in einen völlig neuen Kontext stellt. Eisen, ein beliebter Werkstoff des 19. Jahrhunderts wie auch Kupfer haben es der Künstlerin besonders angetan: Das Material wird gesägt, ziseliert und gebohrt, aber auch Prägen und Pressen spielen eine große Rolle im opulenten Halsschmuck oder im betont plastisch gestalteten Ansteckschmuck.
Vera Siemund wird im Sommer 2013 nach Hanau kommen und in der Staatlichen Zeichenakademie arbeiten. Während ihres Aufenthaltes wird sie einen einwöchigen Workshop mit den Studenten abhalten. Ab Januar 2014 widmet das Goldschmiedehaus der Künstlerin eine Ausstellung im Goldsaal.
www.goldschmiedehaus.com/de/vera-siemund
Karl Fritsch wurde 1963 in Sonthofen im Allgäu geboren, er besuchte von 1982 bis
Ring
Karl Fritsch: Ring
1984 die Goldschmiedeschule in Pforzheim, war von 1984 bis 1986 dort bei der Firma C. Neusser tätig und absolvierte von 1987 bis 1993 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Hermann Jünger und Prof. Otto Künzli – beide Ehrenringträger der Gesellschaft für Goldschmiedekunst - sein Studium, das er 1994 mit dem Diplom abschloss.
Heute lebt und arbeitet Karl Fritsch in Neuseeland, ein Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens ist die Kreation unterschiedlichster Ringe zu verschiedenen Themen.

Arbeiten von Karl Fritsch sind in den namhaftesten Museen und Privatsammlungen der Welt vertreten, wie etwa der Danner Rotunde der Pinakothek der Moderne in München, The Helen Drutt Collection in Philadelphia, dem Schmuckmuseum Pforzheim, dem Auckland Museum in Neuseeland oder dem Metropolitan Museum in New York.
Karl Fritsch wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, etwa dem Herbert Hoffman Gedächtnispreis der Internationalen Handwerksmesse München (1995), dem Förderpreis für angewandte Kunst der Landeshauptstadt München (1996), dem Projektstipendium des Deutschen Museums München (1997) oder dem Françoise van den Bosch Award (2006).
www.br.de
Mit der Ernennung des dritten Hanauer Stadtgoldschmieds geht die Auszeichnung erstmalig an eine Künstlerin, an die flämische Schmuckgestalterin Hilde De Decker aus Londerzeel.

Hilde De Deckers Arbeitsfeld beschränkt sich nicht auf das Schaffen einzelner Schmuckstücke im Sinne von dekorativen Accessoires, vielmehr stehen Inszenierungen von Schmuck und Gerät im Mittelpunkt. So präsentierte sie in einer Schmuckinstallation im Deutschen Goldschmiedehaus "in the move" u. a. das Hanauer Stadtwappen, Bembel und ein Äppelwoiglas.
www.hildededecker.com
Jiro Kamata wurde 1978 in Hirosaki in Japan geboren und lebt seit 1998 in
Jiro Kamata: Halsschmuck
Jiro Kamata: Halsschmuck
Deutschland. Erst in Pforzheim und heute in München. U.a. wurde er 2005 Meisterschüler der Akademie der Bildenden Künste in der bayerischen Landeshauptstadt.

Wenn mann seine Werke in Augenschein nimmt, wird einem sogleich auffallen, dass Jiro Kamata nicht der klassischen Goldschmiedekunst zuzurechnen ist. Seine Arbeiten stellen ihn als kreativen, experimentierfreudigen Künstler dar, der keine Scheu hat, sich ohne Berührungsängste unterschiedlichen Materialien zu widmen. Man könnte seine Werke als „Schmuckinstallationen“ bezeichnen.

Es handelt sich bei seinen Werken um interessante, eigenwillige, spannende Arbeiten, die faszinieren und fesseln. Arbeiten die althergebrachten seh- und Schmuckgewohnheiten widersprechen und im besten Sinne um der Kunst willen zu Für- und Widermeinungen anregen.
Jiro Kamata
Rudolf Bott wurde 1956 in Stockstadt am Main geboren. Mit 19 Jahren schloss er seine
Rudolf Bott: Fußschale in Silber
Rudolf Bott: Fußschale in Silber
dreijährige Ausbildung zum Goldschmied bei der Firma G. A. Korff in Hanau ab und arbeitete anschließend zwei Jahre für die Werkstatt Hermann Kunkler in Raesfeld, bevor er 1978 ein Studium an der Staatlichen Zeichenakademie Hanau, begann, das er 1980 mit seiner Meisterprüfung abschloss. Nach einer dreijährigen Tätigkeit im Atelier Max Pollinger in München wurde er 1983 zum Studium an der Akademie der Bildenden Künste München zugelassen. In der Klasse für Schmuck und Gerät bei Hermann Jünger und Erwin Sattler machte er 1989 sein Diplom. Seitdem arbeitet Bott selbstständig. Von 1997 bis 1999 hatte er eine Professur an der Hochschule Pforzheim inne. Bott lebt in Neuburg an der Donau.
Während seiner Amtszeit als erster Hanauer Stadtgoldschmied hat der renommierte Künstler eine silberne Schale mit den Abgüssen seiner eigenen Füße geschaffen, die im Foyer des Neustädter Rathauses präsentiert wurde und auf ein großes mediales Echo stieß.
Rudolf Bott